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Bandscheibenvorfall

Wenn die Bandscheibe rausspringt …

Ich hab Rücken – ich hab Bandscheibe.Rückenschmerz wird häufig mit Bandscheibenveränderungen gleichgesetzt. Ein Verschleiß der Bandscheibe kommt häufig vor, aber meistens ist diese Veränderung völlig schmerzlos. Bandscheibendegeneration, -vorwölbungen und –vorfälle beginnen bereits im jungen Erwachsenenalter.

Eine Bandscheibendegeneration oder –verschleiß (Chondrose) ist bereits im Röntgenbild sichtbar durch eine Höhenminderung im Bandscheibenfach. Wenn die muskuläre Haltefunktion ausreichend ist, verursacht das erste Stadium des Bandscheibenverschleißes in der Regel keine Beschwerden.

Die Bandscheibenvorwölbung (Protrusion) ist eine Verschleißerscheinung, bei der sich die Bandscheibe aus ihrem bindegewebigen Haltering etwas in Richtung Rückenmark oder Nervenwurzel ausbuchtet. Auch diese Veränderung macht nur extrem selten Schmerzen.

Beim Bandscheibenvorfall (Prolaps) fallen größere Anteile der Bandscheibe durch einen Riß im bindegewebigen Haltering in den Rückenmarkskanal oder an die Nervenwurzel. Häufig werden aber weder das Rückenmark noch die Nervenwurzel bedrängt. Die Bandscheibe kann zwar selber Schmerzen auslösen – einen eher lokalen, nicht-ausstrahlenden Rückenschmerz – , dies geschieht jedoch eher selten. Erst bei einer starken Einengung der Nervenwurzel durch das vorgefallene Bandscheibenmaterial wird der Nerv gereizt und entzündet. Dann entstehen typische einschießende Schmerzen mit Taubheit und Muskellähmungen, die klassische „Ischias“-Reizung oder Lumboischialgie (auch Radikulopathie – Nervenwurzelsyndrom – genannt).

Je nachdem, welche Nervenwurzel gereizt wird, entstehen typische Symptome, die nach der entsprechenden Wurzel benannt sind, z.B. L1-Syndrom bei Reizung der 1. Nervenwurzel der Lendenwirbelsäule:

  • L1- und L2-Syndrom: Reizungen der L1- und L2-Nervenwurzel sind sehr selten (1% der Fälle). Taubheitsgefühle und Schmerzen treten in den Leisten auf. Häufigere Ursachen für Leistenschmerzen sind jedoch die Hüftarthrose und die Blockierung des Kreuzdarmbeingelenks.
  • L3-Syndrom: Bandscheibenvorfälle, die die 3. Nervenwurzel der Lendenwirbelsäule reizen, sind ebenfalls selten. Hier finden sich Taubheit und Schmerzen an der Vorderseite des Oberschenkels bis zum Knie. Der vierköpfige Muskel an der Vorderseite des Oberschenkels, der Quadriceps-Muskel, ist wie auch der zugehörige Kniescheibensehnenreflex (Patellarsehnenreflex) abgeschwächt.
  • L4-Syndrom: Wenn die 4. Nervenwurzel der Lendenwirbelsäule irritiert ist, strahlen die Schmerzen über den vorderen Oberschenkel hinaus bis zum Innenknöchel aus. In diesem Bereich bestehen auch Taubheitsgefühle. Auch in diesem Fall sind der große Quadriceps-Muskel und der dazu gehörige Kniescheibensehnenreflex abgeschwächt. Zusätzlich ist der Fußhebermuskel (Musculus tibialis anterior) oft gelähmt.
  • L5-Syndrom: Bei Bandscheibenvorfällen, die die 5. Nervenwurzel abquetschen, entstehen schmerzhafte Ausstrahlungen am äußeren Unterschenkel, die bis in die Großzehe reichen. Hier finden sich auch Taubheitsgefühle. Der Fuß und die Großzehe können oft nicht angehoben werden. Der Fersenstand ist eingeschränkt oder nicht möglich.
  • S1-Syndrom: Beim S1-Syndrom strahlen die Schmerzen über die Rückseite des Beines bis zur Ferse und von dort bis zur Kleinzehe aus. In diesem Bereich können Taubheitsgefühle auftreten. Der Achillessehnenreflex ist abgeschwächt, ebenso der große Wadenmuskel, der für die Beugung des Fußes verantwortlich ist. Dadurch ist der Zehenstand eingeschränkt oder unmöglich. Beim S1-Syndrom handelt es sich um die eigentlichen „Ischias“-Beschwerden.
  • Kauda-Syndrom: Das Kauda-Syndrom ist ein medizinischer Notfall. Bei den genannten Beschwerden muss sofort ein Notarzt verständigt werden! Es spricht für eine schwerwiegende Lähmung der unteren Nervenwurzeln im Kreuzbeinbereich, z.B. durch einen Bandscheibenmassenvorfall oder eine entgleiste Spinalkanalstenose. Es kommt zur Taubheit im Bereich des Gesäßes und des Dammes, die sogenannte Reithosen-Anästhesie (Anästhesie = Gefühlsstörung). Die Wadenmuskeln sind gelähmt, ebenso die Schließmuskeln von Darm und Blase. Die Betroffenen können den Stuhlgang und/oder den Urin nicht mehr halten.

Wie werden Bandscheibenvorfälle ganzheitlich behandelt?

Bandscheibenverschleiß, Vorwölbungen und Vorfälle ohne Nervenwurzelreizung verursachen in der Regel keine oder kaum Beschwerden. Wenn sie es dennoch tun, dann meistens aufgrund von begleitenden muskulären Störungen, entweder eine Schwäche oder eine Verspannung der Muskulatur. Die muskuläre Funktionsstörung sollte bei Muskelschwäche durch Training (Rückenschule, Yoga oder Kräftigungsübungen mit oder ohne Gerät) und bei muskulären Verspannungen mit Dehnübungen sowie Krankengymnastik, Manueller Therapie oder Osteopathie behandelt werden. Bei Schmerzen und Verspannungen können zudem Akupunktur, Schröpfen, Reizstrom, Wärmeauflagen, Neuraltherapie und kinesiologische Tapes helfen.

Mit der dreidimensionalen Wirbelsäulenvermessung kann die Statik nach einem Bandscheibenvorfall gemessen und durch gezielte Übungen oder Anwendungen wiederhergestellt werden.

Bei einem Bandscheibenvorfall mit Nervenwurzelreizung sollte zunächst der Schweregrad bestimmt werden. Bei Bandscheibenvorfällen mit schweren Lähmungen sollte immer eine frühzeitige Operation erwogen werden. Bei einem Kauda-Syndrom mit Blasen- und Enddarmschwäche muss eine sofortige OP erfolgen.

Bei leichteren oder mittelschweren Lähmungen ist nach einem Jahr das Ergebnis einer konservativen Therapie ohne Operation und einer operativen Therapie gleich gut. Insofern kann in der Regel zunächst ein konservativer (nicht-operativer) Behandlungsversuch unternommen werden. Dazu gehören entzündungshemmende Medikamente, pflanzliche Schmerzmittel, Akupunktur, Krankengymnastik, Reizstrom, B-Vitamine, Neuraltherapie und Injektionen an die Nervenwurzel unter Röntgen- oder CT-Kontrolle (PRT = Periradikuläre Therapie).

Akupunktur ist ein wichtiger Behandlungsansatz bei Bandscheibenvorfällen und Rückenschmerzen.